Bitte, als ich blind geworden bin und nach Alternativen frs gemalte Bild suchte, entdeckte ich einen Knstler, der Bilder zum Anfassen, direkt zum Ertasten malte. Da kann man das Bild endlich auch ohne Augen blickdicht in optische Worte fassen. Ich ertastete ein Herz und dachte natrlich versehentlich, es w„re eine weibliche Brust. Was muss ich auch in jeder Situation an Brste denken. Als ich dann einen harten Strahl einer Sonne in der Hand hielt, dachte ich versehentlich, es w„re die geballte M„nnlichkeit, die sich zwischen den Beinen empor hob. Man kann sich ja auch einmal irren.
Ach ja, der Knstler heisst Chris Stermitz und trifft mit seinen Bildern genau meinen optisch extravaganten Geschmack. Das Essen bei der Vernissage war brigens so k”stlich, dass ich mich neben dem Teller mit den Br”tchen auftrappierte und das Essen bewachte, bis ich das letzte Br”tchen verspeist hatte. Finger weg, dachte ich, wenn jemand nach einem H„ppchen griff. Als ich dann zu fortgeschrittener Stunde endlich den Knstler interviewte, war ich satt und betrunken. Bitte, so verlief dann auch die Fragestunde.
Mein n„chstes Experiment als Lebensknstler wird sein, mich der hohen Kunst des Alkoholverzichts zu widmen, die hohe Kunst des Orangensaft Trinkens zu geniessen. Wahrlich, wenn ich das und meine n„chste kreative Di„t hinter mir habe, bin ich ein Kunstwerk, zart und geschmeidig, mit weiblichen Kurven an den richtigen Stellen, direkt plastisch zum Anfassen. Und wenn dann Chris Stermitz zwei Erdhalbkugeln pr„sentiert, denke ich bestimmt versehentlich, es sei mein eigener Po. Das ist Kunst, die es wert ist, begriffen zu werden.
Normalerweise gehe ich ausschliesslich wegen dem Buffet auf Kunster”ffnungen. Essen und Trinken kann man ja durchaus mit anderen intakten Sinnen. Ausserdem gehe ich schon deshalb auf Kunstausstellungen, damit ich edel und elegant in der Masse funkle, mit meinem Blindenstock glamour”s durchs Publikum gleite und mit meinen schonungslos unschuldigen Augen schamlos, ja nahezu hemmungslose Blicke in den Raum werfen kann.
Und doch war auf dieser Kunstausstellung ein wesentliches Detail anders als gew”hnlich. Der Knstler hatte sich m„chtig ins Zeug gelegt und plastische Bilder zum Anfassen gemalt. Ja, ich war beeindruckt, denn in diesem Moment reihte sich das Buffet ganz hinten an, flchtete sozusagen in die hinterste Ecke meiner Gedanken. Essen und Trinken sind zwar sinnliche Gensse, aber ber ein begreifbares Bild zu gleiten, die Fingerspitzen z„rtlich ber die Rundungen der Bilder gleiten zu lassen, das war fr mich noch sinnlicher.
Bitte, nicht dass Sie jetzt versehentlich denken, ich wrde auf Bilder stehen. Nein, ich lebe monogam und bin bis jetzt meiner grossen Liebe, dem schiefen Turm von Pisa treu geblieben. Trotzdem, diese anfassbaren, im blinden Zustand ertastbaren Bilder hatten es mir angetan, wahrlich, die waren einen kleinen Seitensprung wert. Die satten und freundlichen Farben der Kunstwerke berhrten meine farbenfrohen Sinne ebenfalls, auch wenn ich mir die Farben nur imagin„r vorstellen kann, aber bei so viel Farbbrillanz meisselt sich das Bunte direkt ins Ged„chtnis ein.
Mitten in meiner aufmerksamen Greifaktion begegnete ich dem Knstler, Chris Stermitz. Bitte, nicht dass Sie jetzt denken, ich h„tte an ihm entlang gegriffen und irgendwann seine pure Pr„senz festgestellt. Ich besitze auch hin und wieder die Gabe, mit meinem Gegenber zu sprechen, und so kamen wir ins Gespr„ch. Tut mir leid fr Sie, liebe weibliche Besucher, Chris Stermitz ist vergeben, und das wird sich wom”glich auch nicht so schnell „ndern, denn seine Partnerin sorgt fr seine Vermarktung.
So hat er sein gesamtes Management stets griffbereit in der Tasche. Kennengelernt haben sich die beiden brigens auf einem Abitur Abschlussball mitten auf der Tanzfl„che, als sie sich gegenseitig tief in die Augen blickten und die Funken sprhten. Diese Funken ihrer gegenseitigen feurigen Leidenschaft sammeln sie brigens bis heute noch auf. Wo viel Feuer ist, fliegen eben auch die Funken.
So romantisch wie der Knstler seine Partnerin kennenlernte, so herzlich und lieblich sind auch seine Bilder, auch wenn hinter jedem Bild ein tiefgrndiger, ernster, zum Nachdenken anregender Hintergrund seine Kreise zieht.
Zuerst stand ich vor einem Bild, welches einen Mann zeigt, der ber dem offenen Meer h„ngt. Bestimmt ein Grieche, der die finanzkrisenstarke Realit„t in Europa wiederspiegelt, dachte ich, als ich mit meinen H„nden ber die Lenden des strammen Griechen glitt. Bilder besitzen ja glcklicherweise die Eigenschaft, sich nicht zu regen, worber ich froh war, denn wenn man es wagt, weiterzudenken, was w„re, wenn das Bild zum Leben erwacht w„re, dann ...
šbrigens, als ich mitten in diesem fragwrdigen Gedanken steckte, kam ein Reporter des Weges und bat mich um ein kleines Interview. Da ich mein volles Sektglas noch neben mir stehen hatte, war ich geistesgegenw„rtig genug, um die Gunst der Minute fr meine Eigenwerbung zu nutzen. Peinlich wurde dieser Auftritt erst, als ich tags darauf im Radio mitverfolgte, dass der Knstler auf seiner eigenen Vernissage nur zwei S„tze im Interview sprach und ich in aller L„nge und Breite zu h”ren war. Ich bin unschuldig!
Gut, der Hintergrund der Bilder, die ich von Chris Stermitz erfhlen durfte, war jetzt nicht so emotional, denn er gestaltete die Bilder mit Hilfe von Ton und Ytong, beides Materialien, die fr Blinde eine richtige Augenweide darstellen. Wenn man jedoch hinter die Kulisse des Bildhintergrundes schaut, erkennt man den tieferen Sinn jedes einzelnen Bildes.
Das Kunstwerk der strahlenden Sonne erzeugte sofort W„rme in meinen H„nden. Wie gut, dass meine Vorstellungskraft keinen meiner Gedanken und Gefhle zur puren Realit„t machen kann, denn sonst h„tten wir alle urpl”tzlich mitten in den heissen Flammen der Sonne gestanden. Zuerst erkannte ich in der Sonne einen Stern, und damit lag ich richtig hoch im Kurs, denn die Sonne ist ein Fixstern.
Ich tastete weiters das Bild einer dreigeteilten Erdkugel ab. Unsere Erde, gewillt zusammenzuwachsen, und doch st„ndig im Kampf zwischen der Rivalit„t von Umwelt und Mensch, Technik und Natur. Beim zerrissenen Anblick der Erde wurde mir ganz bel, als mir einfiel, dass ich mir die neuesten unntzen Handy Apps heruntergeladen und mir schon wieder ein neues, gold-glitzerndes Kostm gekauft hatte. Die passenden Laufschuhe hatte ich noch nicht einmal gefunden, denn ich kaufe mir immer unntze Sitzschuhe, welche im Schrank die hinteren Sitzpl„tze belegen, da ich sie nie trage.
Natrlich begegnete ich auch einem Bild, welches zwei Liebende zeigte, Eros pur. Ja, sp„testens in diesem Moment war ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort, denn die Liebe verfolgt mich auf Schritt und Tritt. Die Liebe ist es, welche Barrieren zwischen Menschen unsichtbar macht, welche blinde Menschen Bilder anschauen l„sst und welche keine Grenzen markiert, denn Grenzen begrenzen bloss den geistigen, seelischen und k”rperlichen Horizont. Und genau diese Liebe hat der Knstler in seinen Bildern zur Geltung gebracht. šbrigens l„sst er sich immer von seinen Reisen, von Kulturen und L„ndern inspirieren. Seine Muse begleitet ihn ja ohnehin.
Als ich mit dem dahingleitenden Blick meiner Fingerspitzen, also mit dem Anschauen der Bilder fertig war, rckte das leckere Buffet wieder in eine der vorderen Ecken meines Gehirns. Nur leider fehlte vom ppigen Buffet jede Spur, sodass mir eine Notration aus der Kche gebracht wurde.
Lecker war es, so lecker, dass ich Nachschub anforderte, natrlich h”flichst, denn man will ja nicht gleich mit den Buffetresten zur Tre hinaus bef”rdert werden. Ich wusste es immer, auf einer Vernissage sind drei Dinge wichtig, das Buffet, der Knstler und die Kunst. Ach ja, beinahe h„tte ich es vergessen, die Leute, welche auf der Vernissage vertreten sind, die sind noch wichtiger.
Und wenn wir gerade bei den Leuten sind, so musste ich feststellen, dass auch ein wenig politische Prominenz anwesend war. Da sich die Kunstausstellung in Klagenfurt, mitten im ”sterreichischen K„rnten befand, war auch die nichtanwesende Politprominenz anwesend, denn man versandt Grsse von den leider abwesenden Politikern. Dabei w„re diese Veranstaltung gerade fr die Politiker interessant gewesen, wo sie sich doch derzeit, bis auf Weiteres auf einem friedlichen, nahezu sich liebenden Kuschelkurs befinden.
Irgendwann sp„t nachts ging ich nach Hause. Um es genauer zu definieren, war ich die letzte, welche die Ausgangstre fand, und das lag nicht daran, dass ich nichts sehe, sondern an dem Zustand, dass ich ein Glas Sekt zu viel getrunken hatte. Tags darauf, am Tag des postalkoholischen Nachgeschmacks war ich sichtlich kr„nkelnd unterwegs und schwor, nie wieder an einem falschen Glas eines unterhaltsamen, auf der Zunge prickelnden Getr„nkes zu nippen, bis auf Weiteres.
Die Ausstellung, Kunst begreifen, wurde vom K„rntner Blinden- und Sehbehinderten Verband organisiert. Beim Kauf eines Bildes spenden Sie automatisch 50% Ihrer Investition an den Blindenverband, was wiederum blinden Menschen zu Gute kommt.
Kunst begreifen Teil 1 - Audio
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